Das Ende der Studentenzeit #1

Nach all den lauten Abschieden und Partys der letzten Tage stand nun ein ganz leiser und privater Abschied an: Meine Wohnung in Liège musste geräumt werden. Es hätte mir eigentlich nichts bedeuten sollen, schließlich war es die vierte Wohnung, die ich in Lüttich hatte. Aber irgendwie war diese Wohnung doch anders, sie war meine Fortress of Solitude, in der mich niemand erreichen konnte. Versteckt hinter vier Schlössern und fünf Türen konnte ich die Ruhe genießen, die mir das Leben manchmal verwehrte. Hier schrieb ich unzählige Texte und Gedichte, schrieb niemals abgesendete Briefe, Lieder- und Slam-Texte. Mit meiner Mitbewohnerin dekorierte ich die Wände mit Postern und Bildern. Als wir in der Küche einen Vogel hörten, aber nicht sehen konnten, bastelten wir kurzerhand einen, der seinen Platz bis heute hatte. Diese Wohnung war, wo ich so verrückt sein konnte, wie ich wollte. Hier versuchte ich einst, eine Tiefkühlpizza in der Mikrowelle zu wärmen, weshalb diese mit dem Teller fusionierte und mit dem Teller weggeschmissen werden musste. Fragt sich in welchen Müll sowas kommt. Ein Mal fing der Toaster Feuer und ich war zu müde, um davon überhaupt gestört zu werden.

Als ich heute morgen dann die noch aus meiner Teenager-Zeit stammenden Motivational-Poster von der Wand nahm, die mich in den fünf Jahren von Wohnung zu Wohnung begleiteten, da wurde mir die Stille bewusst, in der das alles geschah. Es lief kein letzter Song, keine Best-Of Montage, kein innerer Monolog, wie ich sie mir gerne vorgestellt hätte. Dieser Moment, in dem das Set abgebaut wurde, war in meiner kleinen, ganz persönlichen Serien, die dieses Studium für mich war, immer die letzte Szene. Mit Recht. Ein stiller Moment für den stillen Menschen, der hier wohnte.

Dann war ich fertig. Als keines der Poster mehr hing offenbarte die Wand dann ein Wand-Tattoo, das mir von der Vormieterin an der gelassen wurde und ich einst an meinem ersten Tag in der Wohnung überklebt hatte. „A dream is a wish your heart makes.“ Da musste ich lachen, denn die wirkliche Lektion, die ich in diesen zwei Jahren in dieser Wohnung gelernt hatte, war immer vor meiner Nase. Ich musste sie nur wahrnehmen.

Michael2