Warum ich ‘Infinite Jest’ so liebe.

Infinite JestMan muss sich den Vorwurf gefallen lassen, verrückt zu sein, wenn man jemandem erzählt, dass man ein Buch liebt, welches über 1000 Seiten lang ist, mehr als 190 Kapitel und zusätzliche 300 Endnoten enthält. Ein Buch, das etwa 30 Hauptcharaktere beinhaltet, dutzende Nebencharaktere, jeder von ihnen natürlich mit seiner eigenen Lebensgeschichte und seiner eigenen Beziehung zu jedem der anderen Charaktere. Ein solches Buch, das sich schon der Analyse in einem Uni-Kurs auf Grund der Komplexität entzieht, scheint völlig unlesbar für jeden normalen Menschen. Die Sache ist: Lässt man sich auf das Buch ein, arbeitet sich Stück für Stück nach vorne und überspringt keine der Seiten, dann wird man von der Fülle an Menschlichkeit überwältigt und gewinnt eine Lektüre eines Buches, das den Leser verändert.

Also. Warum liebe ich dieses Buch, das sich so liebenswürdig präsentiert wie ein tollwütiger Igel? Infinite Jest ist anders. Es wird als der Beginn des Endes der Postmoderne gesehen. Ein Schritt weg von der Selbst-Reflexivität, der leeren Ironie und dem Augenzwinkern der Fiktion. Wallace macht mit seinem Buch nicht den Versuch, die Welt zu erklären und mit pfiffigen Kommentaren das Geschehen als höhergestellter Autor zu resümieren. Er benutzt keine Anspielungen auf andere Autoren und Schauspieler als Gag. Nein, er stellt die Leere in den Menschen dar, die ihre Masken ablegen wollen, um sich einem Sinn im Leben zu stellen, aber nicht wissen, wozu eigentlich. Die Amerikanische Unterhaltungsindustrie hat die Kontrolle übernommen. Der Präsident ist ein Schauspieler, der die U.S.A. mit Mexiko und Kanada vereinte, alles vor dem Hintergrund, die Welt zu verbessern und Nord-Amerika zu stabilisieren. Es gibt Kabinettssitzungen und Federal Agencies, die groteske Ausmaße haben. Ich rede vom Buch – nur so – welches im Jahr 1996 erschien.

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Die Jahreszahlen gibt es nicht mehr, sie wurden aus Kostengründen an Unternehmen vermietet, die mit ihrem Produkt das Jahr und die Freiheitsstatue bewerben können. So trägt im Jahr der Inkontinenzunterwäsche die Lady Liberty eine Windel. Rollstuhlterroristen haben die tödlichste Waffe ergattert, die es geben kann: Einen Film, der so unterhaltsam ist, dass die Menschen, die ihn sehen, alles um sich vergessen und das Ansehen zur einzigen Lebensbestimmung wird, bis zu ihrem grotesken Tod im Sessel. Auf der Suche nach der Master-Kopie treffen sich der Agent Hugh Steeply, der sich als grauenerweckende Parodie einer Frau getarnt hat und den Undercovernamen Helen Steeply trägt, mit dem Quadrupel-Spion Rémy Marathe, der lediglich so tut, als täte er so, so zu tun, als sei er ein Doppelspion. Auf einem Berg sprechen beide über die Frage, was es heißt, im Leben wählen zu können und ob der Film eine Waffe sein könne, wenn man ja nur wegsehen müsste. Marathe, mal einer der kanadischen Rollstuhlterroristen gewesen, glaubt einfach nicht, dass Amerikaner widerstehen könnten. Gäbe es die Möglichkeit, niemals mehr etwas wählen zu müssen, weil man viel zu gut unterhalten wird, um überhaupt noch wählen zu wollen, welcher Amerikaner würde da nein sagen?

Ich liebe dieses Buch, weil es das Leben besser darstellt, als jedes andere Buch, das ich je gelesen habe. Ich liebe es, weil es vor urkomischen Passagen und mitreißenden Passagen strotzt. Ich liebe es, weil es sich sträubt, zu der Generation zu gehören, in die es klassiert wird. Es ist das anstrengendste Buch, das ich je gelesen habe – es ist das beste Buch, das ich je gelesen habe und es hat mich verändert. Und das ist schließlich die Art Buch, nach der wir alle suchen, nicht wahr?

Michael2

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