Der Fünfzigjährige, der auf den Projektor starrte und verstand.

Ein kleiner fiktionaler Text über die Freuden des Studenten über die technischen Fähigkeiten der Professoren.

Es gibt in der Welt der Universität nur eine Hand voll Dinge, auf die man sich verlassen kann. Darauf, dass die Kommilitonin, die ihr Scheitern bei der Prüfung am lautesten proklamiert, die beste Note hat, oder darauf, dass man sich einer Bekanntschaft gerade dann bewusst wird, wenn man wirklich unbedingt deren Notizen braucht. Vorzugsweise in der Nacht vor einer Prüfung, in der man dann einen panischen Monolog in der Inbox jener Person hinterlässt, die man niemals wieder zurück nehmen kann und die mit jeder neuen Nachricht die Chance bedenklich senkt, jene Notizen zu erhalten. Sprechen wir aber über die wirklich sicheren Dinge in einer Uni, so gilt folgendes Gesetz: Egal, wie viele Doktortitel und akademische Würden ein Professor hat, egal wie viele Male ein Techniker ihm in Kleinstarbeit die Funktionsweise des Kabels erklärt hat, ein Dozent ist unfähig, eine Laptopprojektion zu starten. Alter spielt dabei keine Rolle. Mit dem Überreichen der Doktorwürde werden Menschen offenbar sämtliche Computerkenntnisse genommen, in einem Prozess, der sich irgendwo zwischen Dementoren und Alzheimer einordnet.

Gerade wieder muss ich feststellen, dass meine Hoffnung darauf, das Buch für den heutigen Unterricht nicht umsonst gelesen zu haben, sich in Luft auflöst, da der zuständige Dozent es sich nicht zutraut, die einfache Aufgabe „Stecke das Kabel in den Computer und schalte den Projektor an“ allein zu lösen. Es wird ein Techniker gerufen. Heiterkeit umgibt mich, da den anderen Studenten klar wird, dass der heutige Unterricht mit jeder Sekunde kürzer wird und sich die Entscheidung, das Buch nicht zu lesen, mit jeder Sekunde als weiser herausstellt. Ich blicke zu dem Professor, der dort unten an seinem Pult steht, halb auf den Laptop konzentriert und halb mit dem Ignorieren der aufflammenden Marktplatzatmosphäre beschäftigt. Vielleicht ist seine Unwilligkeit, das Kabel zu bedienen, einfach einer Anordnung der höchsten Etage geschuldet. Vielleicht wird Professoren beim ersten Arbeitstag dringendst davon abgeraten, hochkomplizierte technische Unterfangen wie das Betätigen eines Projektors allein zu unternehmen. Möglicherweise ist ein guter Bekannter mal beim Versuch, ein Kabel in einen Laptop zu stecken, ums Leben gekommen. All diese Schicksale kann ich mir nicht anmuten, zu verstehen und so bleibt nur die Akzeptanz über das Verhalten meines Professors. Akzeptanz und Unverständnis. Es wäre durchaus normaler – und gesünder – der Diskussion meiner umhersitzenden Kommilitonen zuzuhören. Offenbar hat eine Studentin namens Angelique eine heiße Romanze mit einem spanischen Austauschstudenten, der auf den Namen Raffael hört, angefangen und nun schwanger sein. Aha. Ich meine er könnte es sich vom Techniker erklären lassen! Es ist nur ein Kabel, der in den Laptop gesteckt werden muss! Und wenn der Techniker in den wenigen Momenten, die er mit den Profs verbringt, nicht über das spricht, was er tut, worüber sprechen sie dann?

„Ja gut, dass sie da sind! Ich traute mich nicht, das Kabel einzustecken.“

„Versteh ich, meine Tante ist mal beim Versuch, einen Projektor einzuschalten, umgekommen.“

„Ach Gottchen, wirklich?“

„Nein, aber ihnen zu erklären wie man’s richtig macht wäre verlorene Zeit und ich habe ein Buch über Smalltalk gelesen.“

So ähnlich muss ich mir das Leben des Technikers in unserer Uni vorstellen. Der unbesungene Held der Akademie, der sich in den Schatten der Flure herumtreibt und den Profs zur Hilfe eilt, die Hilfe so bitter benötigen. Ein Held, der sich derer annimmt, die ihn am ehesten benötigen – bis 18:00 Uhr, dann kehrt er in sein kleines Haus am Rand der Stadt zurück, in dem er mit seiner Frau über die Lernunfähigkeit der Menschen lacht, die für das Unterrichten von Studenten bezahlt werden. Wie oft wohl jemand einem Techniker einen guten Morgen wünscht? Wie viele der Profs wohl darüber nachdenken, diesen stillen Helden die Anerkennung zu geben, die sie verdienen?

Das ist der Moment, in dem meine Vorstellung vom tatsächlichen Techniker unterbrochen wird. Wortlos passiert er den Professor, greift zum auf dem Boden liegenden Kabel und steckt es in den Laptop, drückt auf einen Knopf im Pult und beendet einen fünfsekündigen Vorgang, den sich alle hätten sparen können. Es ist aber in jenen kurzen Momenten, die so unscheinbar sind, dass Menschen wirklich sie selbst sind und ihre Maske ein Stück weit herablassen. Sekunde 1: Der robuste und selbstbewusst lächelnde Techniker tritt durch die Tür, auf die der leicht gekrümmt stehende Professor gerade sieht, worauf sich ihre Blicke treffen. Sekunde 2: Der Blick des Professors wechselt auf den Projektor, die Augen des Technikers folgen diesem, während sich sein Lächeln in Luft auflöst und zu einer versteinerten Grimasse wird. Sekunde 3: Die eiserne Stille, die vom Gelärm der Studenten übertönt wird, schreit vor Anspannung, während der Techniker sich nach dem Kabel blickt und der Professor zum Fenster sieht und sich zu entschließen scheint, zum selbigen zu gehen. Sekunde 4: Der Techniker erhebt sich mühsam aus seiner Beugung, den VGA-Anschluss des Projektors in der Hand, um seine Aufgabe erfolgreich abzuschließen. Dabei schaut er zum Professor, der nun zwei Schritte auf das Fenster zu gemacht hat und dem Techniker den Rücken zudreht. Sekunde 5: In einer einzigen Bewegung drückt der Techniker den Kabel in die passende Buchse und betätigt den Knopf auf dem Büro, sich bereits zur Tür drehend. Der Professor beobachtet ihn in der Reflektion der Scheibe, vor der er steht.

All das kann in nur fünf Sekunden passieren und keinem ist dieser echte Moment zwischen zwei so unterschiedlichen Menschen, deren Leben sie an diesen selben Ort geführt hat, aufgefallen. Ich denke darüber nach, wie viele fünf Sekunden ich schon verpasst habe, in denen sich Masken gesenkt haben. Durchaus möglich, dass mein Schwarm mich gerade gestern während fünf Sekunden mit den wohlwollenden Augen ansah, über die ich manchmal nachdenke. Doch vielleicht habe ich gerade da auf mein Smartphone gesehen. Vielleicht möglich, dass ich auf einer Party während nur fünf Sekunden nachdenklich auf mein Bier starre und dabei verpasse, wie meine Ex-Freundin bei einem Badminton-Spiel ihren Schläger auf den Baum des Nachbarn wirft. Der Prof mag nun seine Vorlesung über das Klassensystem in Büchners Woyzeck beginnen, aber ich denke, dass ich meine Lektion für heute bereits gelernt habe.

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